Die Geschichte der K.St.V. Albertia

Ein unbekannter Alberte a.D. 1907

[Anmerkung: Der Text dieses Kapitel wurde von Reinhard Hauswirth anläßlich des 85 Geburtstages Albertiae verfaßt.]

Ein Überblick von Reinhard Hauswirth

Im folgenden versuche ich, die Geschichte unserer Verbindung zu skizzieren, ohne dabei allzusehr ins Detail zu gehen, denn hierfuer ist einmal der Arbeitsaufwand zu gross, zum andern stehen mir nur bruchstueckhafte Quellen zur Verfuegung: vor allem unsere beiden Chroniken, Konventbuecher sowie die Albertenblaetter der Nachkriegszeit. An dieser Stelle moechte ich mich recht herzlich bei meinem Bb Ludwig Hopfner fuer seine Unterstuetzung in Form eines Augenzeugenberichtes bedanken.

Die Situation, aus der heraus Albertia enstand

Die Wiege unserer Korporation ist ein geschichtsträchtiger Ort: Regensburg, von den Kelten Ratisbona, von den Roemern Castra Regina genannt, im Mittelalter und darüberhinaus Reichsstadt, seit langem Bischofssitz, eine Keimzelle abendländischer Kultur

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts empfanden es die "Stadtkandidaten de Regensburger Lyceums, des Vorgängers der Philosophisch-Theologischen Hochschule, als Mangel, dass sie sich nicht durch einen akademischen Verein verbunden fühlen konnten. Schließlich legte der damalige Lycealdirektor Dr. Rittler den Grundstein für ein organisiertes akademisches Zusammenleben außerhalb des Lyceums und zugleich den Grundstein für unsere später entstandene Verbindung. Unsere Chronik berichtet: "Der hohe Gründer selbst gab dieser Vereinigung den Namen des großen Albertus, der, eine Leuchte der Wissenschaft in den Hallen des hiesigen Lyceums gelehrt hat, und so recht geeignet ist, Akademikern als Vorbild aufgestellt zu werden. Unter diesem Namen, mit diesem günstigen Vorzeichen sollte Albertina wachsen, blühen und gedeien."

"Albertina" also hieß der Vorläufer unserer Verbindung, worüber der Chronist zu berichten weiss: " Am 21. November 1886 feierte Albertina ihr erstes Stiftungsfest." Albertina gelangte schnell zur Bluete auf dem festen Sockel der Förderung von Freundschaft und Wissenschaft, ohne jegliche konfessionelle Bindung. "Albertina, wie ueberhaupt jeder Studentenverein, sollte sein eine Charakterschule fuer das Leben, sie sollte ihre Mitglieder zu Männern heranbilden und ihnen in der 'Sturm- und Drang-Periode' der Jugenzeit einen sicheren Platz gewaehren." Der nun schon verhältnismäßig mitgliederstarke Verein war aus dem oeffentlichen Leben der alten Reichsstadt, das er durchaus mitprägte, nicht mehr wegzudenken. In den Jahren 1891/92 kam in den noch sehr jungen Akademikerverein eine Diskussion ueber dessen paritätischen Charakter auf, wobei der Wunsch immer dringlicher wurde, einen katholischen Verein zu bilden. Das Vereinsleben litt in dieser Zeit spuerbar unter konfessionell bedingten Kontroversen. Am 17. September 1892 fand in Schwandorf in der Oberpfalz ein Konvent statt, der dem Bestreben der Verfechter des katholischen Prinzips eine Niederlage einbrachte. Das Konfessionsproblem der Albertina wurde schliesslich durch "äussere" Einwirkungen gelöst: Die Lyceumsleitung fand einige Paragraphen der Vereinssatzung nicht im Einklang mit den "Lycealstatuten", die u.a. bestimmten: "Mitglieder eines Vereins koennen regelmäßig nur Studierende der Anstalt sein." (Lycealsatzung, #51). Demzufolge seien in Albertina nur die beim Lyceum immatrikulierten und somit katholischen Studenten, also nur die Aktivitas, stimmberechtigt, nicht aber die Philister. Dem Einfluss der Lyceumsleitung war es zuzuschreiben, dass Albertinas Satzung dahingehend geaendert wurde, dass nur noch die Aktivitas das stimmberechtigte Plenum bildete - selbstverständlich gegen den heftigsten Widerstand des Philisteriums. "Dem Wunsche der Mehrzahl folge gebend, ward am 17. Dezember 1892 ein Plenarkonvent berufen, der die Parität einstimmig aufhob und dem Verein das Praedikat 'katholisch' verlieh." Damals schriebe Bb Scherer unser Alberten Bundeslied. Der nunmehr "Katholische Studentenverein" änderte auf dem Plenarkonvent vom 18. Januar 1893 seinen bisherigen Namen um in "Albertia".

Albertia zu Regensburg

Albertia war somit geboren. Wahlspruch, Zirkel und Farben jedoch blieben bestehen: Diese Umgestaltung stellte die Verbindung vor grosse Probleme: "Allein alles Notwendigen beraubt, stand sie da. Die ausgetretenen Philister und Inaktiven hatten das ganze Inventar des Vereines und das Kneiplokal für sich in Anspruch genommen". Dafuer bestand innerhalb der Aktivitas jedoch Einigkeit in den Prinzipien: religio, scientia, amicitia. Auch Albertia - um Ansehen in der Öffentlichkeit bemüht - nahm von Anfang an am öffentlichen Leben in Regensburg teil, vor allem an kirchlichen Festlichkeiten. Ein inniges Verhältnis bestand auch zum Ortszirkel "Strudel". Im SS 1894 zählte Albertia bereits - oder erst - zehn Aktive. So "... beschloß unter anderem der a.o. BC vom 28. April 1894 zum Zwecke öffentlicher Aufzüge die Anschaffung dreier studentischer Vollwichsen". Diesem Semester kommt eine tiefere Bedeutung zu: Die Gerneralversammlung des "Kartell der Katholischen Studentenvereine Deutschlands" in München beschloß am 19. Juli 1894 die Aufnahme Albertiae als 28. Verein in den KV. Ganz besonders betonte der junge Verein das Prinzip "religio". Die Verbindungsveranstaltungen waren Konvente, Kommerse, Vorträge, in der Hauptsache aber Kneipen. Im SS 1896 wurden die Philisterstatuten neu festgelegt, u.a.: "Ein jeder A-Philister wird von jetzt ab durch die Aushändigung des Diploms Mitglied des Philisterverbandes Albertia". Albertia festigte sich zusehends nach innen. Für das WS 1896/97 ist vermerkt: "Besonders in den höheren Kreisen Regensburg ist unser Ansehen bedeutend gestiegen". Die Aktiven der Verbindung studierten großenteils Theologie und Philosophie, einige wenige auch Jura und Philologie in den Anfangssemestern, woraus ersichtlich wird, daß Regensburg nur sehr beschränkte Studienmöglichkeiten bot. Immer wieder lesen wir, daß Aktive und Jungphilister im blühenden Alter an Lungenkrankheiten gestorben sind - sicherlich war häufig ein Grund die hierfür unzureichende Ernährung. Überhaupt war die materielle Basis der damaligen Studenten ungleich schlechter als heute bei uns. Dennoch: Immer wieder lesen wir in der Chronik von sehr vielen recht feuchtfröhlichen Verbindungsfesten - in der Woche fanden mehrere Verbindungsveranstaltungen statt -, das Korporationsleben war äußerst fröhlich und gemütlich und nahm den ersten Platz im Leben des Studenten ein, während das Studium mehr Nebensache war - von Leistungsdruck, Streß, Regelstudienzeit etc., heute alles Alltagserscheinungen im studentischen Leben, lesen wir nichts. Jede Zeit hat eben ihre speziellen Probleme.

Mehrmals mußte Albertia das Kneiplokal wechseln, so auch im WS 1900/1901 auf Veranlassung des Direktors des bischöflichen Knabenseminars Obermünster, ... weil das Singen bis spät in die Nacht hinein und der sonstige Unfug und Lärm die Nachtruhe der Semniaristen störe". Dieser Herr wurde 1904 Regens am Priesterseminar und agierte nun ständig gegen Albertia mit dem Vorwurf, sie entfremde Theologen ihres Berufes; die hohe Geistlichkeit war Albertia durchaus schlecht gesinnt. Besonders erwähnenswert für die Geschichte Albertias ist diesbezüglich das WS 1907/08: Die bestehnden Lyzealstatuten wurden abgeändert, so daß nunmehr Theologiestudenten nur noch bei Vorlage besonderer Gründe außerhalb des Priesterseminars wohnen durften - die beiden ersten Semester ausgenommen. Dadurch war die Korporation in ihrem Weiterbestehen gefährdet, sowie ein aktives Verbindungsleben unmöglich. Am 10. September 1908 fand in Kehlheim ein Pienarkonvent statt, auf dem über die Zukunft Albertiae beraten wurde: fast einstimmig wurde dem Antrag stattgegeben, den Verein nach München zu verlegen: am 13. Oktober war Abschied von Regensburg. Zusätzlich wurde die Gründung eines neuen katholischen Vereins in Regensburg mit dem Namen "Agilolfia, zugleich unsere Tochterverbindung, beschlossen, sie sollte ein Sammelbecken für KVer sein, die die ersten Semester in Regensburg und die höheren in München verbrachten.

Albertia in München

"Und schon 14 Tage darauf fand der Semester-Antritts BC Albertias München in ihrem neuen Heim Hofbräustüberl, Kochstraße 5a, statt. Kartellbrüder aus Ottonia, Rhenania-Erlangen und Alemannia waren zu Albertia übergetreten". Bald darauf wurde Albertia in den MKV aufgenommen. Um Verwechslungen auszuschalten, wurde ein neuer Albertenzirkel gestaltet. Zu Beginn des SS 1909 zählte Albertia neun Aktive. In München mußte das Kneiplokal teilweise jedes Semester gewechselt werden. Immer mehr Bedeutung im Verbindungsleben nahm jetzt die Institution "Damenflor" ein. Nachwuchsschwierigkeiten der Aktivitas begegnete man erfolgreich durch die Aufnahme norddeutscher Studenten (Bayern war noch Königreich!). Interessant ist auch, daß die Universitätsbehörde die Satzung der Studentenvereine genehmigen mußte. Das SS 1911 brachte Albertia einen Rekordzuwachs: insgesamt waren 32 Aktive zu verzeichnen. Endgültig geregelt wurde in diesem Semester auch, daß Aktivitas und Philisterium jeweils einen selbständigen Verein darstellen, außerdem wurde ein Hausbauverein gegründet. Im SS 1913 stieg die Zahl der Aktiven auf 39. Von da an weist die Chronik bis 1920 eine Lücke auf: Über das Verbindungsleben während des Ersten Weltkriegs erfahren wir nichts, doch den Aufzeichnungen über die Zeit danach ist zu entnehmen, daß vierzehn BbBb gefallen waren, so daß die Aktivitas der Nachkriegsjahre sehr klein und das Verbindungsleben sehr dürftig war. Zudem drohten Zwistigkeiten unter den Vereinsdamen - so der Chronist - den ganzen Verein in zwei Gruppen zu spalten, so daß die Auflösung der Aktivitas drohend bevorstand - eine echte Krise, der nur abgeholfen werden konnte dadurch, daß sämtliche Damen "eliminiert" wurden (was mich zu der Anmerkung veranlaßt, Nietzsche habe doch recht - eine "böse" Anmerkung, die man mir verzeihen möge, denn: Spaß muß sein!). Schließlich entstand ein ganz neuer Damenflor. Die Aktivitas war im WS 1920/21 wieder 29 Mann stark. Ein Jahr später schrieb der damalige Senior Hanns Oberacher in die Chronik: "...die Anzahl der Kneipen wurde beschränkt wegen des hohen Bierpreises." Diese Anmerkung ist von sehr weittragender Bedeutung, verweist sie doch auf den Beginn einer Entwicklung mit verheerenden wirtschaftlichen und auch politischen Auswirkungen: die galoppierende Inflation. In dieser Zeit arbeiteten Alberten im AStA mit, ebenso wie später in den Fünfzigerjahren. Über das Verbindungsleben in diesen wirtschaftlichen Krisenjahren lasse ich einen Augenzeugen, Bb Ludwig Hopfner, berichten: "Was für ein Verbindungsleben meiner Zeit (1927-1931) charakteristisch war, war der ganz strenge und nach heutigen Begriffen autoritäre Führungsstil durch den Senior ... Fast alle Veranstaltungen waren offiziell bis hochoffiziell ... Auf eine gute Kleiderordnung, guten Haarschnitt und gutes Benehmen wurde größter Wert gelegt ... gesellschaftliche Fragen wurden eingehend behandelt ... Jeder Fuchs mußte einen Leibbursch haben ... Die Fuchsenzeit endete mit der Burchenprüfung, bei der den Füchsen im wahrsten Sinne des Wortes nichts geschenkt wurde...die beileibe nicht jeder Fuchs auf Anhieb bestand...In der Verbindung gab es die Institution des Damenflors; junge Mädchen wurden in diesn aufgenommen kraft Conventsbeschlusses...Nur die Damen des Damenflors, an deren Spitze die Damen-Seniorita stand, hatten Zutritt zu den Tanzfesten der Verbindung. Beim Engagieren der Damen für eine Veranstaltung hatten die Burschen den unbedingten Vorrang. Was übrig blieb, mußten die Füchse nehmen, ob es ihnen paßte oder nicht...Es war z.B ganz ausgeschlossen, daß ein Bb sein Mädchen, das nicht im Damenflor war, etwa zur Verbindung mitgebracht hätte...Hochoffiziell z.B. war die alljährliche Fronleichnamsprozession...Sehr großer Wert wurde darauf gelegt, daß die BbBb ihre Exmina rechtzeitig und erfolgreich ablegten..." Soweit der Augenzeuge. Obwohl diese Zeit zweifellos von allgemeiner materieller Not gekennzeichnet war, gelang es bis zum WS 1931/1932, für Albertia ein eigenes Heim zu schaffen - ein Zeichen für die Opferbereitschaft der Bundesbrüder. Daß die Zeit "weit" fortgeschritten war, zeigt die Tatsache, daß sich die Aktiven einer militärischen Ausbildung unterziehen mußten (Waffen- und Schießausbildung), auch machte die politische Radikalisierung dieser Zeit vor einigen Bundesbrüdern nicht halt und "infizierte" sie. Die "braunen" Machthaber erwogen, Studentenverbindungen zu verbieten. Um der Zwangsauflösung zu entgehen, löste sich die Korporation durch Konventsbeschluß am 10. Februar 1936 selbst auf. "Die alte Albertenfahne ruhte im Speicher des Klosters Metten." Albertia war zwar offiziell erloschen, doch viele BbBb trafen sich regelmäßig, es bildeten sich regionale Schwerpunkte heraus, einer davon war Cham.

Die Nachkriegszeit

Nach dreizehn Jahren Zwangspause entstand im WS 1949/50 wieder eine Aktivitas und ein Philisterium. Entscheidende Impulse und tatkräftige Unterstützung für unsere "Renaissance" kamen von den Agilolfen, ein Zeichen dafür, daß Gewaltregime Bindungen so leicht nicht sprengen können. Im November 1950 erschien das "Albertenblatt, Neue Folge Nr.1", dessen weitere Folgen ich im wesentlichen das Nachfolgende entnehme. Vereinsprotokoll wurde das Hotel Wolff am Hauptbahnhof. Die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Verbindungen war in der Nachkriegszeit sehr negativ, vereinzelt wurde sogar der Ruf nach einem Verbot laut. Doch Albertia konnte sich behaupten und und gedieh, trotz finanzieller Schwierigkeiten der einzelnen Aktiven - noch gab es kein Wirtschaftswunder. Dennoch wurde ein Gednke aus der Vorkriegszeit wieder aufgegriffen und beim AHC anläßlich des 59.Stiftungsfestes (1951) folgender Beschluß gefaßt: "Die Vorstandschaft wird beauftragt, die notwendigen Schritte zur Schaffung eines eigenen Albertenheimes in die Wege zu leiten." Ab SS 1953 entwickelte sich der Nachwuchs in erfreulichem Maße. Gegen Ende der Fünfzigerjahre waren die Früchte der Spendentätigkeit vieler AHAH im Reifen begriffen: man sah sich in der Lage, den langgehegten Wunsch nach einem Albertenheim in absehbarer Zeit erfüllen zu können - eine unermüdlich tätige, nie resignierende Hausbuvereinsvorstandschaft tat ihr Bestes. Um die Verwirklichung des Albertenheimes zu beschleunigen, erfolgte eine enge Zusammenarbeit mit Ottonia und Saxonia mit dem Ergebnis, ein Gemeinschaftshaus entstehen zu lassen, wodurch die ohnehin schwierige Finanzierung (hohe Darlehensverträge mit langer Tilgungszeit!) erleichtert wurde, etwas später schloß sich auch Erwinia an. Die Bauarbeiten konnten am 3.Januar 1961 beginnen, und zwar auf dem Grundstück Gabelsbergerstraße 24, wo Ottonia vor dem Krieg ihr Verbindungshaus besaß, das aber einem Bombenangriff zum Opfer fiel. Der 13. Februar 1962 schließlich wurde zum Freudentag in unserer Veriensgeschichte: die Einweihung unseres neuen Albertenheimes; Albertia hatte nach langjähriger Wanderschaft ihren "Ort" gefunden. Die Gesamtkosten des Hauses betrugen DM 1 012 788,31, davon hatte Albertia 20% zu tragen. Albertia, Saxonia und Erwinia ist das Dauernutzungsrecht für jeweils eine Etage auf unbestimmte Zeit eingeräumt worden. Der Kostenverteilungsschlüssel für Verwaltung und Unterhaltung ist so, daß Ottonia 40%, Albertia, Saxonia und Erwinia je 20% trägt, hingegen werden die Betriebskosten zu gleichen Teilen (je 25%) bestritten. Trotz des Integrationsfaktors Albertenheim gelang es nicht, wettzumachen, was die politische Entwicklung in den bundesrepublikanischen Hochschulen der späten Sechzigerjahre uns an Nachteilen bezüglich Nachwuchs brachte: Der Semesterbericht des WS 1968/69 stellt nüchtern fest: "Mit 1 Fuchs, 9 Burschen...verzeichnete Albertia zu Beginn des Semesters den niedrigsten Mitgliederstand seit 1951, ein Jahr nach der Wiedergründung." Dieses Problem wird uns auch weiterhin ernsthaft beschäftigen!